Groupthink – ein Mechanismus, der den Teamerfolg gefährdet

In diesem Artikel geht es um das Denkmuster Groupthink – eine Ausprägung des psychologischen Phänomens Social Proof und wie du dieses durchbrechen kannst.


Ich erinnere mich gerne an eine Telekonferenz vor einigen Monaten zurück. Daran nahmen 20 Experten aus ganz Deutschland teil. Ich war neu in dem Thema und wollte mich zunächst zurückhalten. Die Agenda war inhaltlich sehr breit aufgestellt und doch wurde jeder Punkt thematisch sehr tief diskutiert. Nach 20 Min. viel mir ein Muster auf: Bei jedem Punkt diskutierten max. 2-3 Experten wirklich mit, teilweise machte ein Teilnehmer einen Vorschlag und es gab keinen Widerspruch (= Zustimmung). Als ein Thema zwischen zwei Experten länger erörtert wurde und es keine Einigung gab, merkte ich an, dass ich mich leider enthalten müsse, da ich mich in diesem Themengebiet nicht ausreichend auskenne. Es stellte sich heraus, dass alle anderen 17 Teilnehmer sich ebenfalls aus den gleichen Gründen enthielten. Also letztendlich wurde laut Protokoll ein Ergebnis von 20 Experten erarbeitet, das in Wirklichkeit nur von einer Handvoll dominanten Gesprächsteilnehmern geprägt war.

Was war passiert? Ein klassisches psychologischer Phänomen, der Social Proof hat zugeschlagen. Auf Deutsch könnte man dieses Denkmuster am ehesten mit „Herdentrieb“ übersetzen. Es ist die Neigung, mit der Gruppe mit zu laufen und sich so wie alle anderen zu verhalten, ohne dies zu hinterfragen. Das war in der Steinzeit auch sinnvoll, eher allen anderen hinterherzurennen als stehenzubleiben, wenn Gefahr in Verzug war. In der heutigen Zeit machen wir jedoch nur noch selten Bekanntschaft mit Säbelzahntigern & Co. – daher behindert uns dieses Denkmuster mehr als dass es hilft.
Der Social Proof ist mit zahlreichen Experimenten hinterlegt und auch Flash Mobs bedienen sich diesem Verhaltensmuster. Sobald eine größere Gruppe von Menschen eine Handlung in einer bestimmten Form durchführt, neigen wir dazu, mitzumachen, auch wenn es völlig blödsinnig ist. Probiert mal aus, im Flugzeug an den unpassendsten Stellen zu klatschen (es sollten 3-4 Leute eingeweiht sein). Nicht selten wird das ganze Flugzeug mitmachen.

Eine spezielle Ausprägung des Social Proofs ist der sogenannte Groupthink – die Neigung, sich einem Konsens anzupassen. Wer kennt es? In einer Besprechung wird ziemlich oft von einem Fachbegriff gesprochen, der nicht erklärt wurde. Alle nutzen diesen Begriff wie selbstverständlich, man kommt sich selbst ziemlich doof und unwissend vor, weil man davon noch nie gehört hat. Wenn man den Mut findet, dies zuzugeben, stellt sich oft heraus, dass es mehreren Leuten so ging und eigentlich keiner eine Ahnung hatte. Dieser Mechanismus ist sehr gefährlich, vor allem wenn es um wichtige Projektentscheidungen geht. Es wird vermeintlich eine Einigung erzielt, die auf gefährlichem Halbwissen passiert, ohne dass es jemandem bewusst ist – besonders wenn unterschiedliche Hierarchien mit im Boot sind. Ich könnte jetzt eine Reihe prominenter Großprojekte aufzählen, die sicherlich genau deswegen gescheitert sind, das lasse ich aus Platzgründen jetzt aber 😊.
Gerade in agilen Teams, die von der Heterogenität leben, ist Groupthink gefährlich, wenn es zuschlägt: Alle steuern auf ein Ziel hin, das eigentlich keiner sinnvoll findet – ziemlich ungünstig nicht?

Auch im Privatleben wirkt dieses psychologische Phänomen, hier ein paar Beispiele:

  • Urlaubsplanung: Eigentlich wollte keiner zu diesem Urlaubsort aber da niemand dem ersten Vorschlag widersprochen hat, nahmen jeder an, dass alle anderen eben mit diesem Urlaubsort einverstanden waren – die Gruppe fliegt nach Mallorca, obwohl alle lieber nach Italien wollten
  • Im Kino: Ein Pärchen holt sich Nachos, weil jeder vom anderen denkt, dass er diese lieber mag, aber eigentlich hatten beide eher Lust auf Popcorn.
  • Ein Verkehrsteilnehmer im Stau hat keine Lust mehr, zu warten und fährt auf den Seitenstreifen – dies tun ihm plötzlich sehr viele Fahrer nach. Die Handlung ist weiterhin strafbar aber weil es andere auch machen, wird diese Tatsache ausgeblendet.

So, wie kann ich nun den Groupthink durchbrechen und damit verhindern, dass keine vermeintlichen Einigungen erzielt werden, die jedes Mitglied einer Gruppe im Einzelnen nicht soentscheiden würde?
Es erfordert vor allem Mut. Mut, zuzugeben, dass man etwas nicht versteht oder eine andere Meinung zu diesem Thema hat. Zum Zweiten braucht man eine offene Diskussionskultur: Jede Ansicht wird angehört und berücksichtigt und es gibt keine dummen Fragen. Eigentlich ziemlich einfach, oder?

Groupthink - so durchbrichst du dieses Denkmuster
Groupthink – so durchbrichst du dieses Denkmuster